

Esther Brünenberg
Eigentlich bin ich ein ganz guter Mensch....Welche Gedanken sind denn das?
Ganz alltäglich sind sie nicht.
Und doch komme ich immer wieder in Situationen, in denen ich mir darüber Gedanken mache, was ich tue, wie ich handle, wie ich gut lebe und wie es die anderen Menschen um mich herum tun.
Es ist klar, dass wir Fehler machen - ich auch. Schließlich sind wir Menschen. Und wenn ich in einem ganz ruhigen Moment darüber nachdenke, dann gibt es vielleicht auch Entscheidungen, die ich gern rückgängig machen würde.
Zumindest hoffen wir das für die Zukunft. Denn viele Entscheidungssituationen, in denen es um richtiges Handeln geht, ähneln sich. Mit unseren Fehlern, Macken und Schattenseiten wollen wir ungern konfrontiert werden, schon gar nicht mit der Frage, ob wir falsch gehandelt, einen Menschen verletzt, ihm Schaden zugefügt haben, bewusst oder unbewusst, oder ob wir unserer Verantwortung als Mensch in der Schöpfung gerecht wurden.
Die Frage nach Sünde und Schuld ist in unserem Alltag wenig präsent, gern wird sie verdrängt, ver-harmlost, entmachtet.
Dennoch gibt es Situationen, Verhaltensweisen und Entscheidungen, die uns schwer zu schaffen machen, vor allem in den Beziehungen zu den Menschen in unserer Umgebung und zu denen, die uns nahe stehen, aber auch in unserer Verantwortung für die Welt und die Schöpfung. Dass wir in globalen Zusammenhängen stehen, ist unübersehbar, wenn wir unsere Augen für die Welt öffnen.
Ein offenes Herz und ein ehrlicher Blick auf sich selbst schärft die Wahrnehmung des eigenen Lebens und Handelns und macht uns nicht nur bewusst, dass wir als Menschen stets in den Grenzen des Fragmentarischen bleiben, sondern dass wir ernsthafte Fehler machen und dabei auch schuldig wer-den.
Dies sind keine leichten Gedanken, sie können uns sehr belasten, wenn wir mit ihnen allein bleiben.
Gibt es Auswege?
Ein Blick in das Buch, das unseren Glauben begründet, ein Blick in die Bibel zeigt, dass wir in solchen Situationen nicht allein sind, sondern dass jede Menschengeneration seit Anbeginn mit der elementar menschlichen Frage nach Schuld konfrontiert war und Auswege gesucht hat, Wege der Versöhnung, des Gesprächs, aber auch Wege, wie eigene Schuld, wie Fehler und Schwächen nicht nur vor dem Mitmenschen, sondern gerade auch vor Gott selbst verantwortet werden können.
Seine Verratsgeschichte wird in allen vier Evangelien erzählt, sie hat hohe Priorität.
Die ausführlichste Fassung steht bei Lukas (Lk 22,31-34. 54-62).
Petrus´ Treueversprechen, in dem er Jesus zusagt, mit ihm ins Gefängnis zu gehen, ja sogar bis in den Tod, kann nicht stärker und eindrucksvoller sein. Doch dieses Treueversprechen kann er nicht halten. Noch in dem Moment, in dem er es ausspricht, wird ihm dies von Jesus vorausgesagt: Ich sage dir, Petrus, ehe heute der Hahn kräht, wirst du dreimal leugnen, mich zu kennen (Lk 22, 34). Kurz zuvor hatte Jesus gesagt: Simon, Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sie-ben darf. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder (Lk 22,31f).
Zwei Aspekte sind hier ganz stark: Jesu Gebet für Simon Petrus und die Verheißung, ja der Zuspruch der Bekehrung. Noch vor dem Verrat wird auf die bedeutungsvolle Aufgabe des Petrus als Hirte hin-gewiesen. Doch zuvor offenbart sich in aller Hilflosigkeit und menschlichen Unzulänglichkeit die Angst des Petrus, die ihn schuldig werden lässt.
Er wird Jesus nicht ausliefern, das tat Judas, verraten wird er ihn aber dennoch, und zwar kläglich, in radikaler Weise.
Indem er dreimal leugnet, Jesus zu kennen, sagt er sich öffentlich von ihm los:
Im gleichen Augenblick, noch während er redete, krähte ein Hahn.
Und Petrus erinnerte sich an das, was der Herr zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich (Lk 22,60-62).
Petrus ist tief betroffen, im Krähen des Hahnes erkennt er sein Fehlverhalten und seine Schwäche, trotz der Ankündigung der Verleugnung seine Treue und sein Versprechen schändlich verraten zu haben. Das Weinen lässt dies erkennen.
Im Moment der Erkenntnis der eigenen Schuld spitzt sich die Krise zu. Eine andere Wendung der Situation, des eigenen Verhaltens, Handelns und Denkens wird möglich, jedoch nicht durch eigene Kraft allein.
Die Verwiesenheit des Menschen auf sich selbst hat im Gegenteil gerade in der Person des Petrus große Schwächen, mangelnde Standhaftigkeit, Angst und Verrat gezeigt.
Der Evangelist Lukas ist der einzige, der von einem kurzen Augenblick berichtet, der jedoch entscheidend ist: Da wandte sich der Herr um und blickt Petrus an (Lk 22,61).
Dieser Moment dient der eigenen Erkenntnis.
Das im Griechischen, in der Sprache des Neuen Testaments, verwendete Wort für "ansehen" sowie der Moment der Zu-Wendung Jesu an Petrus sagen mehr aus:
Es ist ein Ansehen, das durch Mark und Bein geht, ein Ansehen, das von einer tiefen Beziehung und großem Vertrauen spricht und ein Ansehen, das selbst im Moment der Kränkung, Verletzung und des Verrats keine Lossagung vom Verräter ist, sondern ein liebender Blick, der noch in der größten Erschütterung auf Erkenntnis und Umkehr setzt.
Dieser liebende Blick Jesu ist es, der Petrus wieder aufrichtet.
Er bewahrt ihn nicht vor den Tränen, nicht vor der bitteren Erkenntnis, die Beziehung zu Jesus nicht nur in Frage gestellt, sondern geleugnet zu haben, ihn damit menschlich verraten zu haben.
Aus zahlreichen Stellen des Neuen Testaments geht hervor, dass die Begegnung zwischen Petrus und dem auferstandenen Christus eine der entscheidenden gewesen sein muss (vgl. Lk 24,34; 1 Kor 15,5). Nach Joh 21 wird Petrus das Hirtenamt übertragen. Seine Bedeutung für die Jerusalemer Ur-gemeinde ist unbestritten. Sein Name Petrus, vermutlich von Jesus selbst übertragen (vgl. Mk 3,16), bedeutet "Fels". Als solcher wird er zu einer Gründerfigur des Christentums. Die Geschichte des Petrus zeigt also, wie durch Gottes befreiendes Handeln einem Menschen in der schlimmsten inneren Not der Rücken gestärkt wird und wie ihm durch eigene, zuweilen harte und bittere Erkenntnis ein neuer Weg geöffnet wird.
Und wir können vor ihn treten. Durch diese einzigartige Begegnung neu aufgerichtet, können wir in unseren Lebenszusammenhängen und Beziehungen neu beginnen.
Diesen Zuspruch Gottes erfahren wir im Speziellen in der Beichte, das Vaterunser bringt ihn aber auch zum Ausdruck, wir feiern ihn in der Eucharistie und erfahren ihn der Lektüre der Schrift.
So gestärkt kann sich jeder auf den Weg machen, als nicht nur eigentlich ganz guter Mensch zu leben.
Esther Brünenberg ist Diplom Theologin an der Universität Paderborn