Wo wohnst Du, Herr?

Gedanken zum Beten

Weihbischof Jörg Michael Peters

Wo wohnst du, Herr? Wo bist du zuhause, damit wir dich kennen lernen?

Manchmal wünschte ich mir das auch, Jesus leiblich vor mir zu sehen, ihn berühren zu können, mit ihm zu gehen, um ihn zu verstehen.

Man könnte doch glatt neidisch werden auf die ersten beiden, Andreas und den anderen, die er ruft und einlädt. Sie gingen mit Jesus, sie blieben bei ihm, und er hat sie für sich gewonnen. Eine Sehnsucht, die ich kenne, die gelegentlich in mir wach wurde und bohrte.

Es ist keineswegs nur naiv so zu denken.

Mit dem Gott des Himmels und der Erde in Kontakt zu treten – einfach so – das ist alles andere als selbstverständlich. "Machen" kann ich das nicht; aber so wie die beiden Jünger, kann ich es mir schenken lassen.

"Wir fragen: Wo wohnst du, Jesus?" – schreibt die Ordensfrau und Dichterin Silja Walter. "Du sagst: Kommt, dann seht ihr und wisst, dass euer Glaube – wo immer ihr geht und leidet und liebt – meine Wohnung ist. Darin bleibt ihr in mir."

Unser Glaube, seine Wohnung. Wie einleuchtend ist dieser Gedanke.

Er hat ja selber in uns Wohnung genommen, als er uns den Glauben ins Herz legte; und wir richten seine Wohnung in uns her, wenn wir uns um Glauben bemühen mit unserem Verstand, mit unseren Sinnen, mit unserem Herzen; wenn wir tiefer verstehen wollen, welchen Reichtum der Glaube für ein ganzes Leben bereithält, so dass ich immer Neues entdecke, Antworten auf immer andere Fragen bekomme.

Unser Glaube, seine Wohnung!

Ja, Herr, richte dich ruhig in mir ein, sei zuhause bei mir, so werde ich dich kennen lernen, dich und mich, immer mehr!

Jesus berief die ersten Jünger mitten aus ihrem Tun: dem Fischen im Galiläischen Meer – dem See Genezareth

Gott hat viele und sehr verschiedene Wohnungen – so viele und verschiedene, wie Herzen, die Ihm offen stehen.

Einen Weg dorthin beschreibt die in Berlin geborene jüdische Dichterin Nelly Sachs: "Gott wohnt nur ein Gebet weit von uns entfernt." Ausgerechnet eine, die Auschwitz überlebte; die den grausamen Mord am Volk, dem Jesus entstammt, miterleben musste, kann so etwas sagen. Ihre Antwort ist ganz sicher nicht naiv, sondern durchlitten und errungen im Gespräch mit Menschen und mit Gott:

Nur ein Gebet weit von uns entfernt, da wohnt Gott.

Das Zeugnis dieser beiden Frauen kann uns auf die Sprünge helfen, selber aufzubrechen, um Jesus zu suchen und zu finden, dort, wo er zuhause ist.

In einem Gebet der Basisgemeinschaften auf den Philippinen heißt es:

Mach uns unruhig, Herr,
wenn wir allzu selbstzufrieden sind;
wenn unsere Träume sich erfüllt haben,
weil sie allzu klein und eng und beschränkt waren;
wenn wir uns im sicheren Hafen bereits am Ziel wähnen,
weil wir allzu dicht am Ufer entlang segelten.

Mach uns unruhig, Herr,
wenn wir über der Fülle der Dinge, die wir besitzen,
den Durst nach den Wassern des Lebens verloren haben;
wenn wir, verliebt in diese Erdenzeit,
aufgehört haben, von der Ewigkeit zu träumen;
wenn wir über all den Anstrengungen,
die wir in den Aufbau der neuen Erde investieren,
unsere Vision des neuen Himmels verblassen ließen.

Rüttle uns auf, Herr,
damit wir kühner werden
und uns hinauswagen auf das weite Meer,
wo uns die Stürme deine Allmacht offenbaren,
wo wir mit schwindender Sicht auf das Ufer
die Sterne aufleuchten sehen.

Im Namen dessen,
der die Horizonte unserer Hoffnungen
weit hinausgeschoben
und die Beherzten aufgefordert hat,
Ihm zu folgen.

Weihbischof Jörg Michael Peters, Trier