

Othmar Berg
Das Wort „Geist“ begegnet uns im Alltag in vielen sprachlichen Redewendungen:
Diese wenigen Beispiele aus unserer Alltagswelt machen deutlich, dass das Wort „Geist“ mit
Lebendigkeit, Bewegung, Dynamik zu tun hat und eine animierende, belebende, in
Bewegung setzende Wirkung hat.
Ganz deutlich bringt dies auch die biblische Redewendung "Seinen Geist aufgeben" zum
Ausdruck, die uns im Alltag ebenfalls hin und wieder begegnet; zum Beispiel: "Die alte
Waschmaschine hat ihren Geist aufgegeben." Die Redewendung findet sich in
neutestamentlichen Darstellungen des Sterbens Jesu am Kreuz.
Bei Markus heißt es: "Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus." (Mk 15,37)
Diese Redewendung bezeichnet den Moment des Todes und verweist auf das Bild in der
Schöpfungserzählung, die die Erschaffung des Menschen, den Moment der Menschwerdung
damit beschreibt, dass Gott dem Menschen seinen Lebensatem einhaucht.
Das ist der Augenblick des Beginns menschlichen Lebens.
Dieses Bild veranschaulicht, dass Gott die Quelle, der
Ursprung des Lebens ist, und dass der Mensch in einer
besonderen, einzigartigen Beziehung zu seinem
Schöpfergott steht, da nur ihm der göttliche Atem
eingehaucht wird.
Dieser Lebensatem heißt im Hebräischen - der
Sprache, in der die Schöpfungserzählungen und die
meisten alttestamentlichen Texte ursprünglich verfasst
wurden - "Ruach" und wird mit Hauch, Atem, Geist
übersetzt. Dieses Bild macht zugleich deutlich, dass der
Geist lebendig macht, sozusagen das Lebenselixier ist.
Die Redewendungen spiegeln diesen Grundgedanken wieder. Der Ruach, der Geist ist die
Leben spendende Kraft Gottes. Der Atemhauch Gottes schenkt Leben.
Wenn man aufgefordert wird zu sagen, wessen Geistes Kind man sei, dann wird man
danach gefragt, was das eigene Denken prägt und das Handeln lenkt, wovon das eigene
Herz voll ist, was einen bewegt. Es wird also danach gefragt, was einen anspricht, was
einem wichtig ist, einen in Bewegung bringt oder hält; oder anders formuliert:
Was hält dich am Leben? Was macht dein Leben aus?
Die Bibel weiß um das Geheimnisvolle des Geistes Gottes, das in den vielen
Bedeutungsvarianten des Wortes "Ruach/Geist" zum Ausdruck kommt.
Sie beschreibt das Wirken des Geistes als Wehen, Wind und Sturm, als Atem, Hauch und
Lebensodem; sie verwendet es aber auch im Sinne von Sinn, innere Gesinnung und Gemüt.
Gemeinsam ist ihnen allen die Kraft, die einen Menschen in Bewegung setzt, der machtvolle
Impuls, der den Menschen lebendig macht.
Der Geist Gottes ist nicht einfach sichtbar und greifbar, aber man kann ihn spüren und
erfahren, seine Wirkung ist beschreibbar. Der Mensch verdankt seine Lebendigkeit dem
Geist Gottes (vgl. Gen 2,7). Diese Einsicht kommt auch im Psalm 104 unmissverständlich
zum Ausdruck. In diesem Psalm wird Gott als Quelle alles Lebendigen ausführlich
geschildert und auf uns Menschen bezogen, heißt es dort: „nimmst du ihnen den Atem, so
schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub der Erde."
Ohne den Geist Gottes sind wir nichts als Staub.
Unser Herzschlag und unser Atem, der nicht still steht, selbst wenn wir
schlafen, sind die Erfahrungen, die wir täglich machen und die uns daran
erinnern, dass in uns eine Kraft wirkt, die nicht von uns ist, aber in uns
ist.
Dass wir in bestimmten Situationen schneller atmen, unser Herz schneller schlägt, dass wir
in anderen Momenten das Gefühl haben, unser Atem bleibt stehen, unser Herzschlag setzt
aus; diese Erfahrungen weisen darauf hin, dass der Geist mehr ist, viel mehr ist, als eine Art
biologischer Motor.
Daher noch einmal die Frage: "Wes Geistes Kind bist du?" –
Oder anders gefragt: Was ist deine Lebensmitte? - Schlägt unser Herz in Gottes Rhythmus,
welche Gesinnung haben wir, wonach richten wir unser Leben aus, was bestimmt unser
Leben?
Der Geist ist eine Gabe Gottes, ein Geschenk Gottes. Die Frage nach dem Geist, der das
eigene Leben bestimmt, die Frage nach der Gesinnung, ist die Frage danach, wie unsere
Antwort ausfällt auf das göttliche Geschenk des Lebens.
Das Pfingstereignis erzählt, was es
bedeutet, wenn wir vom Geist Gottes
ergriffen werden und offen dafür sind,
uns ergreifen lassen. Wir werden frei,
können auf andere Menschen
zugehen.
Was ist das Geheimnis dieses
Pfingstereignisses, das bewirkt, dass
die Jüngerinnen und Jünger Jesu ihre
Angst überwinden, ihr Versteck
verlassen und den Menschen die
frohe Botschaft bringen?
Die Botschaft der Jüngerinnen und
Jünger beinhaltet selbst die Antwort:
Jesus Christus.
Das Leben Jesu zeigt uns, was es
heißt Mensch zu sein, auf das Geschenk Gottes zu antworten, im und durch den Geist
Gottes zu wirken.
Jesu Leben ist ein geisterfülltes Leben, ist gelebte Liebe. Die Menschen, die Jesus
begegnen, sind nach dieser Begegnung andere. Sie sind wie verwandelt, da Jesus ihnen mit
den Augen der Liebe begegnet und diese Begegnung ihre Lebensgeister neu erweckt, die
vielen Tode mitten im Leben überwinden hilft, das allein-Sein, das ausgegrenzt-Werden, das
nicht-beachtet-Werden, das für-alle-Zeiten-verurteilt-Sein und vieles mehr.
Das Leben Jesu ist ein vom Heiligen Geist erfülltes Leben, ist ein von Gott beherrschtes Leben, ist gelebte Gottesherrschaft - ist gelebt Liebe. Doch dieses geisterfüllte Leben Jesu ist oft auch ein Leben gegen den Strom der Zeit, gegen den „Zeitgeist“, denn der Heilige Geist ist unverfügbar, er weht, wo, wann und wie er will.
Der Heilige Geist ist auch Unruhestifter und Querdenker; - das Leben Jesu macht auch dies deutlich, wenn er traditionelle Sichtweisen, gesellschaftliche Verhältnisse oder individuelle Verhaltensweisen in Frage stellt. Und auch das geschieht im Geiste Gottes, der die Liebe ist.
Der Heilige Geist befreit zu einem Leben in Liebe, das bedeutet,
Die Frage "Wes’ Geistes Kind bist du?" -
Jesus fordert uns auf, auf Gottes Geschenk
des Heiligen Geistes zu antworten. Offen zu
sein für den göttlichen Geist der Liebe, der
zum Leben befreit. Wenn in der Bibel von Herz
die Rede ist, geht es um das Innere des
Menschen, und wenn von Seele die Rede ist,
ist der Kontenpunkt des Lebens gemeint, der
Punkt, an dem tief in uns die treibende Kraft
wirkt.
Wenn unser Herz offen ist für den Geist
Gottes, dann kann unsere Seele, erfüllt vom
Heiligen Geist, uns zum Leben befreien.
Sein Leben in diesem Sinne auszurichten, das
heißt Menschwerdung, so wie Jesus es
vorgelebt hat.
Sich auf den Weg machen mit seinen
Gedanken und Handlungen und mit anderen,
kann ein Schritt sein zur Antwort auf die Frage
"Wes’ Geistes Kind bist du?"
Othmar Berg,
Oberstudienrat, Neuss