Berufung – Was ist das eigentlich?

Michael Bollig

Man könnte den Eindruck haben, wenn es um Berufung geht, dann ist das nur etwas für die ganz Frommen, die Ordensleute und die Priester. Sie haben eine Berufung, was man daran erkennen kann, dass sie in der Kirche arbeiten, viel beten und somit ein ganz anderes Leben führen, als die meisten Menschen.

Ich denke aber, Berufung ist gar nicht so etwas Spezielles, etwas, das nur für die Superfrommen gilt. Jeder Mensch ist von Gott gerufen. Sonst würde er ja gar nicht existieren. Allein schon die Tatsache, dass wir da sind und dass es uns gibt,ist Berufung von Gott her. Gott möchte, dass es uns gibt. Er hat Freude an uns, an unserem Leben, an unseren Begabungen, an unseren Fähigkeiten, aber auch – und das ist ja manchmal kaum zu glauben – Gott hat auch Freude an uns trotz unserer Macken, unserer Schwächen und Fehler. Für ihn ist jeder von uns etwas Besonderes. Er wünscht sich Kontakt mit jedem von uns. Er will, dass wir mit ihm Beziehung aufnehmen, immer wieder mit ihm sprechen, ihm von unseren Sorgen und Nöten erzählen, unsere Traurigkeiten aber auch unsere Freuden mit ihm teilen, ihn ganz einfach jeden Tag an unserem Leben, unserem Denken und Fühlen teilhaben lassen. Das ist vor allem und zuerst Berufung:
also nicht etwas Besonderes für die „Halbheiligen“, sondern etwas für jeden von uns, für dich und für mich.

Ein zweiter Gedanke: Berufung bedeutet nicht, dass Gott irgendetwas aus uns machen will. Wenn er etwas machen will, dann will er uns Mut machen.
Mut machen, zunächst einmal wir selbst zu sein.
Erkenne, wer du bist! Nur dann erkennst du auch deine Berufung.
Wie kann das denn gehen? Wie kann ich erkennen, wer ich bin?
Nun ich denke das geht so: Was sind deine Sehnsüchte? Was gibt dir Hoffnung und Sinn? Was macht dich froh und glücklich? Denk doch einfach mal über diese Fragen nach. Vielleicht findest du dann so etwas wie einen roten Faden in deinem Leben. Und wenn du diesem Faden folgst, dann entdeckst du immer mehr deine Berufung.

In dem Text aus dem Buch Joel (3,1) ist davon die Rede, dass Gott seinen Geist über „alles Fleisch“ ausgießt. Gott schenkt der Welt und jedem Menschen seinen Geist. Von Anfang an sind wir mit Gottes Geist beschenkt. Taufe und Firmung sind besondere Ereignisse, in denen uns Gottes Geist geschenkt wird. Wir können also sagen: Gottes Geist ist schon in uns. Vielleicht merken wir das manchmal gar nicht so genau. Aber es gibt Dinge, daran kann man erkennen, dass Gottes Geist in uns wirkt. Zum Beispiel, wenn mich etwas froh macht, wenn ich Hoffnung spüre und Sinn, wenn ich Lust habe, etwas zu unternehmen und mein Leben und die Welt zu gestalten, wenn ich Liebe tief in meinem Herzen empfinde - immer dann spüre ich den Geist Gottes, der in meinem Leben schon wirkt.

Ich spüre ihn besonders aber auch da, wo ich merke, dass diese Welt mit all ihren Dingen noch nicht alles ist. Wenn ich merke, dass es mehr gibt als das, was ich sehen und mir kaufen kann. Wenn ich feststelle, dass Jesus nicht etwa eine Märchenfigur ist, sondern ein lebendiger Freund für mich, der mich angesteckt hat und mit dem zusammen ich mein Leben und die Welt gestalten will. Ja, dann spüre ich Gottes Geist.

Joel sagt, dass Gottes Geist auch für Träume und Visionen sorgt. Da ist was dran. Deine Träume sind nicht unwichtig. Sie wollen dir etwas sagen. Sie wollen dich auf etwas hinweisen, sie wollen dir zeigen, was wichtig ist in deinem Leben. Die Bibel erzählt besonders im Alten Testament immer wieder davon, dass Gott sich Menschen im Traum mitteilt. Deshalb: Achte auf deine Träume. Schreibe sie vielleicht mal auf und denk darüber nach, was sie dir sagen wollen. So findest du deine Berufung.
Vielleicht ist dir jetzt schon bewusst geworden, dass man das alles nicht allein mit sich selber ausmachen kann. Über das, was in einem lebt und vorgeht, muss man mit anderen reden. Und wenn man beginnt, so von sich zu erzählen und auch zu hören, was andere sagen, dann wird man viel entdecken und vielleicht staunen, wie vielfältig das Wirken von Gottes Geist ist.

So verstehe ich die Kirche: Menschen, die sich voneinander erzählen.
Nicht irgendwas, sondern was Gott in ihrem Leben schon Großes getan hat. Und wenn man davon zu erzählen beginnt, dann kommt man an kein Ende mehr.
Man lernt Menschen kennen, befreundet sich mit ihnen, wird von ihnen beschenkt und bereichert und stellt so ganz nebenbei fest, dass Gottes Reich sich unter uns ausbreitet und immer größer werden möchte.

Berufung – Was ist das eigentlich?
Vielleicht ist es dir durch meine Zeilen etwas deutlicher geworden. Was Berufung ist, erkenne ich in dem Werbeslogan einer bekannten Möbelfirma "Entdecke die Möglichkeiten". Ja, das ist eine guteDefinition von Berufung:
Entdecke die Möglichkeiten, deine Möglichkeiten, die in dir stecken, die Gott dir geschenkt hat, damit du dich daran freust und anderen Menschen zur Freude wirst.

Dr. Michael Bollig ist Regens des Priesterseminars St. Lambert, Lantershofen