Wer glaubt, ist nicht allein

Guido Hügen OSB

Menschen auf meinem Weg

Wenn ich mich frage, woher eigentlich mein Glaube kommt, dann fallen mir Religionsunterricht und Firmvorbereitung, auch mein Theologiestudium und manche Bücher ein.;

Da habe ich viel über den Glauben gelernt.

Da fallen mir aber mehr noch etliche Situationen, Erlebnisse und Zeiten ein, in denen ich etwas von Gott gespürt habe, wo er so unendlich weit weg war, wo Freude oder Trauer waren, …

Und vor allem fallen mir Menschen ein.

Die Runde am Lagerfeuer, lange Spaziergänge, Diskussionen und Gespräche.

Mit wie vielen Menschen gemeinsam habe ich nach und nach meinen Glauben entdeckt, ihn vertieft und zu leben gelernt?

Da waren Menschen, die meinen Weg begleitet haben. Oft wussten sie vielleicht gar nicht, wie wichtig sie für mich waren. Mit anderen gibt es intensive Beziehungen bis heute. Ohne all sie wäre mein Glaube nicht so, wie er heute ist …

Gemeinschaft der Glaubenden

Im Nachsinnen fallen mir noch andere Menschen ein – Menschen, die ich gar nicht kenne.

Was täte ich in mancher Situation, in der ich beten will und mir die Worte fehlen?

Wie froh bin ich, auf Worte anderer Menschen zurückgreifen zu können.

Überhaupt die große Gemeinschaft, die wir „Kirche“ nennen! Wie gut tut es, auf deren Ge- danken, Traditionen, auf Texte und Gebete, auf Glaubenserfahrungen und, und, und … zu- rückgreifen zu können!

Sicher bringt das auch seine Schwierigkeiten mit sich. Lasst einmal 10 Leute definieren, was für sie Gott ist. Geschweige denn, wie sie aus diesem Glauben heraus leben. Wie viel schwerer ist das für eine weltweite Gemeinschaft.

Und doch: da ist die gemeinsame Grundlage, die uns immer wieder zusammen führt. Und die uns auch streiten und nach neuen Wegen suchen lassen kann. Nur so kann Kirche doch lebendig bleiben!

Gemeinsam den Glauben leben

Das wird gerade bei solchen großen Events wie dem Weltjugendtag deutlich. Da werden nicht alle, die zusammen kommen, die gleiche Meinung haben. Manchmal werden „Welten“ dazwischen liegen. Und doch können wir gemeinsam unseren Glauben bekennen und feiern!

Für mich selber merke ich immer wieder, wie wichtig mir gerade in so einer großen Menge die kleine Gruppe ist, mit der ich unterwegs bin. Mit denen ich Essen und Zeit, Gedanken und Gefühle teile.

Wie das auch sonst oft der Fall ist im Lager, bei Seminaren, bei Treffen. Wie gut tut ein kur- zer Impuls, wie nachdenklich kann ein Text machen, wie viel Zutrauen ein Gebet geben. Wie schön ist es, wenn wir so etwas teilen können.

Das ist heute oft nicht mehr selbstverständlich. Oft schämen wir uns ja eher, dass wir über- haupt glauben – geschweige denn, den Glauben offen zu leben. Und doch: wie viel Kraft kann das geben, wenn wir es gemeinsam tun!

Wer glaubt, ist nicht allein.

Selbst der Einsiedler in der Wüste weiß sich eingebunden in die große Gemeinschaft der Glaubenden. Ob im "Vater unser" oder im Stundengebet – wir reihen uns ein in die weltweite Schar der Betenden.

Und egal, wohin auch immer ich auf dieser Welt komme – selbst wenn ich kein Wort verstehe, kann ich den Gottesdienst mitfeiern. Kirchen und viele Türen stehen mir offen, wenn ich nach Christen frage.

Und doch fühle ich mich oft so allein. Allein als Christ unter so vielen, die mit Glauben nichts am Hut haben. Alleingelassen oft auch von Gott. Und immer wieder darf ich erleben, dass ich auch in diesem Zweifel, in meinem Suchen nicht allein bin …

Ein Band der Gemeinschaft

Ich möchte Euch zum Ende dieser Gedanken einladen, Euch einmal ein paar Minuten Zeit zu nehmen. Nehmt Euch drei Stücke Paketband oder ähnliches zur Hand und sucht Euch eine stille Ecke. Und dann flechtet dieses Band. Schon die alten Mönche wussten es: wenn die Hände arbeiten, arbeiten auch die Gedanken …

Versucht Euch an Menschen zu erinnern, die Euren Glauben geprägt haben. Und für jeden Menschen macht einen Knoten … Ihr könnt ihn verschieden gestalten, etwas einflechten, einen Zettel dran hängen – Ihr werdet erstaunt sein über dieses "Band der Gemeinschaft".

Guido Hügen OSB
Benediktierabtei Königsmünster in Meschede
Bundeskurat der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg