

Bischof Franz Josef Bode
In derselben Nacht stand er auf, nahm
seine beiden Frauen, seine beiden
Mägde sowie seine elf Söhne und
durchschritt die Furt des Jabbok.
Er nahm sie und ließ sie den Fluss
überqueren. Dann schaffte er alles
hinüber, was ihm sonst noch gehörte.
Als nur noch er allein zurückgeblieben
war, rang mit ihm ein Mann, bis die
Morgenröte aufstieg.
Als der Mann sah, dass er ihm nicht
beikommen konnte, schlug er ihn aufs
Hüftgelenk. Jakobs Hüftgelenk renkte
sich aus, als er mit ihm rang.
Der Mann sagte: Lass mich los; denn
die Morgenröte ist aufgestiegen.
Jakob aber entgegnete: Ich lasse dich
nicht los, wenn du mich nicht segnest.
Jener fragte: Wie heißt du? Jakob,
antwortete er.
Da sprach der Mann: Nicht mehr Jakob
wird man dich nennen, sondern Israel
(Gottesstreiter); denn mit Gott und
Menschen hast du gestritten und hast
gewonnen.
Nun fragte Jakob: Nenne mir doch deinen Namen!
Jener entgegnete: Was fragst du mich nach meinem Namen? Dann segnete er ihn dort.
Jakob gab dem Ort den Namen Penuël (Gottesgesicht) und sagte: Ich habe Gott von
Angesicht zu Angesicht gesehen und bin doch mit dem Leben davongekommen.
Die Sonne schien bereits auf ihn, als er durch Penuël zog; er hinkte an seiner Hüfte.
Darum essen die Israeliten den Muskelstrang über dem Hüftgelenk nicht bis auf den
heutigen Tag; denn er hat Jakob aufs Hüftgelenk, auf den Hüftmuskel geschlagen".
Gen 32,23-33
"Nicht mehr Jakob wird man dich nennen, sondern Israel; denn mit Gott und Menschen hast du gestritten und hast gewonnen" (Vers 29). – Die Geschichte des Jakob im Alten Testament zeigt uns viel von unserer eigenen Glaubensgeschichte.
Jakob, der ,Glatte‘, hatte sich mit Hilfe seiner Mutter das Erstgeburtsrecht von seinem blinden Vater erschlichen, und dann war er vor seinem Bruder Esau geflohen. Jakob weiß, wie man im Leben durchkommt, und nun überlegt er, wie er Esau besänftigen kann. Immerhin hat er ja in einem phantastischen Traum von einer Himmelsleiter, auf der Engel auf- und niedersteigen, die Stimme Gottes selbst vernommen: "Ich bin mit dir, ich behüte dich, wohin du auch gehst, und bringe dich zurück in dieses Land. Denn ich verlasse dich nicht, bis ich vollbringe, was ich dir versprochen habe" (Gen 28,15). Was soll da noch schief gehen? Er hat die volle Zusage Gottes. Jetzt muss er nur noch Esau auf der Spur bleiben, dann ist alles geregelt und in bester Ordnung.
Doch so glatt läuft es nicht. Gott will Jakob nicht nur als den behüteten, glatten Muttersohn, sondern als den, dessen Glaube sich bewähren muss im Ringen mit Gott und den Menschen, damit er dem Leben und der Zukunft gewachsen sei. Da ringt einer mit ihm bis zur Morgenröte: ein Bote Gottes, Gott selbst; es ist auch sein eigenes Ringen mit seiner Geschichte. All das verbindet sich in dieser einzigartigen, vielfach in der Kunst dargestellten Szene.
Glauben heißt nicht, sich überall leichter durchzumogeln mit Gott im Rücken oder gar in der Überheblichkeit dessen, der alles mit Gott schon klar hat. Glauben heißt, auch durch Zweifel und Ringen zu gehen, durch Dunkelheiten, Auseinandersetzungen und Kämpfe mit den Menschen, die einem Fragen stellen, ebenso mit Gott, mit dem man nie ,fertig‘ ist, weil er der immer Größere und Andere bleibt und deshalb auch nicht einfach seinen Namen preisgibt.
Gott ist nicht nur Bewahrer und Beschützer, sondern auch Herausforderer, Fragender und Befragter. Er lässt mit sich ringen, weil ihm die Freiheit des Menschen über alles geht und er den Menschen nicht zum Glauben zwingt. Außerdem bleiben im Menschen immer viele Widerstände, die sich zwischen uns und Gott drängen, die uns zu klaren Entscheidungen herausfordern. So wird Jakob, der ,Glatte‘, zu Israel, dem ,Kämpfer‘.
Gott ist kein handhabbarer ,Taschengott‘ – nicht zu weit weg, damit er mir noch helfen kann,
nicht zu nah, damit er mich nicht stört. Die richtige Haltung ihm gegenüber ist im Wort
Jakobs auf den Punkt gebracht:
"Ich lasse dich nicht los, wenn du mich nicht segnest" (Vers 27). Gott auch im Ringen,
Hadern und Zweifeln nicht lassen, sondern ihn auch und gerade dann um seinen Segen
bitten, ist die richtige Haltung.
So sehen wir etwas vom ,Angesicht‘ Gottes, das uns in Jesus Christus menschlich
entgegenleuchtet.
Dass Jakob aus diesem Kampf hinkend hervorgeht, ist ein Zeichen dafür, dass echte Gottesbegegnungen in uns Spuren hinterlassen. Sie halten uns wach für den immer größeren Gott und erinnern uns an eine schützende und zugleich herausfordernde Liebe. Solche Erfahrung macht uns bereit, sie mit vielen anderen Menschen zu teilen, um ihnen die Augen des Glaubens für ihren eigenen Lebens- und Glaubensweg zu öffnen.
Bischof Franz Josef Bode
Bischof von Osnabrück und Vorsitzender der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz