Verwandlung

Wilhelm Bruners

Sie wusste, er würde nun einige Zeit ohne sie sein. Ihre Auslandsjahre waren zwar zwischen ihnen abgesprochen, aber jetzt, da sie näher kamen, spürten sie beide, welche Herausforderung diese Trennung für ihre Beziehung bedeutete. Der letzte Abend kam. Noch einmal wollten sie miteinander essen, sich sagen, was sie füreinander bedeuteten. Noch einmal, für die Zeit dieses letzten Abends, wollten sie ihre Stimmen hören, sich wahrnehmen…
Während des Essens überraschte sie ihn mit einem selbstgebackenen Brot. So wie sie es oft gebacken hatte, wenn er sie für eine Zeit verließ. Gerade dieses Brot war für sie beide ein Zeichen ihrer Freundschaft geworden. Ihre Liebe hatte einen guten Geschmack bis jetzt gehabt. So sollte es auch bleiben. "Für dich", sagte sie einfach.
"Vergiss mich nicht!" Es waren verwandelnde Worte, denn durch sie bekam das Brot für ihn eine noch tiefere Bedeutung über diesen Augenblick hinaus.

Eine solche Geschichte ereignet sich in unserer mobilen Gesellschaft nicht selten. Aus privaten oder beruflichen Gründen werden beziehungsreiche Menschen häufig auseinander gerissen. Sie gehen einen Weg der Trennung für kürzere oder längere Zeit - manchmal wider Willen. Erinnerung ist dann vielfach eine Brücke über die Trennung. Viele Erinnerungen werden durch ein Zeichen, ein Symbol vertieft und verstärkt: durch einen Ring, ein Band, eine Kette… . Oder eben auch durch ein Brot, ein selbstgebackenes, das nicht nur das Auge bedient, sondern den ganzen Menschen. Es ist kostbar - auch wenn es zu den vergänglichsten Zeichen gehört. Aber darin, weil es verzehrt wird, erinnert es auch daran, wie sehr unsere Beziehungen, mögen sie noch so tief sein, immer wieder der Erneuerung bedürfen.
Brotnotwendig, dieses Schmecken und Spüren für Menschen, die einander zugetan sind, wollen sie sich nicht auseinander leben.
Das konkrete, durch ein hingebendes Wort "verwandelte" Brot, ist mehr als ein paar Bissen. In diesem Brot schenkt sich der andere selbst.

Es gab einen Abend, eine Nacht in der Menschheitsgeschichte, die, so glauben wir Christenmenschen, nicht nur ein Brot oder ein paar Menschen, sondern den Kosmos, die ganze Welt verwandelt hat.

Juden feierten schon lange in ihrer Geschichte eine Nacht der Rettung und Befreiung durch Gottes Handeln. Sein "Knecht" Mose hatte Israel, das kleine Sklavenvolk, aus Gefangenschaft und Unterdrückung in die Freiheit, in die Wüste geführt. Daran erinnerte die jüdische Osternacht. Immer aber, wenn sich Juden an den Auszug aus Ägypten erinnerten, dann war das wie heute. Jeder Jude, wann und wo immer er lebte, war mit aus der Gefangenschaft ausgezogen. In einer solchen Nacht der Erinnerung, nahm ER, Jesus, der jüdische Bruder aller Menschen, gemäß jüdischer Feier Brot und Wein, segnete sie, teilte sie, gab sie ihnen und aß und trank mit den Seinen. "Das bin ich für Euch", deutete er das Geschehen. Immer, wenn sie später an IHN dachten, taten, wie ER es mit ihnen getan hatte: Segnen, teilen, miteinander essen, füreinander da sein, dann wussten sie, dass ER mitten unter ihnen war.
Unter ihnen sollte keinen mehr hungern und dürsten in der "Wüste" Welt. Denn die Freiheit aus aller Sklaverei, auch der in den Herzen, war allen Menschen geschenkt - Israel und den Völkern. Für diese Wahrheit war ER gestorben. Doch sie suchten ihn nicht bei den Toten. Für sie war ER lebendig. Mit ihnen. In lebendiger Erinnerung. Und auch für sie war jede Erinnerung an IHN, an sein Tatwort, wie heute geschehen. Zeichen seiner Gegenwart.

Arme sollte es unter ihnen nicht geben. Sie sahen sich als eine Gemeinschaft, die lebendiges Brot für die Welt war, sein lebendiger Leib. Mitten in einer Welt, die in sich viele zu Hunger und Durst verdammte, wollten sie in seinem Namen, in lebendiger Erinnerung an IHN zu lebendigem Brot und zum Kelch der Freude werden. Gebt ihr dieser Welt, die oft den Tod schmeckt, den Geschmack des Lebens, so hörten sie IHN sagen. Der Geschmack Gottes selbst soll der Welt auf der Zunge liegen. So erzählten sie, immer wenn sie von IHM sprachen. In immer neuen Worten erzählten sie es. Und sie wussten, ER war mit ihnen. Ihre Hände wollten sie fortan nicht mehr dem Tod leihen, den Waffen, dem Morden. Sie verpflichteten sich dem Pflanzen, nicht dem Ausreißen und Zerstören. Ihre Hände, ihre rauen Hände dienten nicht mehr der Hölle, zu der andere diese Welt machten, sie verwandelten das Dunkel in Licht, die Welt der Feinde in eine neue Geschwisterlichkeit, eine Welt versöhnter Verschiedenheit. In eine Welt mit einem wahrhaft menschlichen Gesicht. Einem in der Tiefe göttlichen Gesicht.
Für diese Vision der Verwandlung zum Leben waren auch sie bereit zu sterben. Immer, wenn sie sich an IHN erinnerten und in seinem Namen das Brot und den Wein miteinander teilten, wenn sie taten wie ER, dann wurden sie sein lebendiger Leib, "Leib Christi" - hinein gegeben in die Verwandlung zum Leben.
Hinein gegeben in die große Verwandlung des Kosmos. In ein Feuer, das seitdem nicht mehr zu löschen ist. In eine menschlich-göttliche Liebe, die allen Tod verbrennt. Und die in allen Funken schlagen will - zum Leben.

Dr. Wilhelm Bruners ist Aachener Bistumspriester, leitete viele Jahrzehnte das Bibelpastorale Institut Jerusalem und ist heute im Bistum Aachen als Seelsorger tätig